Die Weihnachtskugel

Da baumelt sie wieder:
glänzend rot,
mit Flitter gold-veredelt,
Inbegriff der heilen, nicht-vergessnen Welt von
Zimmetsterneduft, Familienfeierfreude,
Geschenkpapiergeknitter – Kinderseligkeit.

Die Kugel entgleitet meinen Händen,
zerspringt in trocken-glasigem Klang.
Da liegen die Scherben am Boden;
wie wenige es sind.
Das Nichts,
eben noch vom schönen Schein zusammengehalten,
tritt in seiner ganzen Nichtigkeit hervor.
Ich kniee vor den Scherben,
ihre blanke Innenseite zeigt mir mein müdes Gesicht.

In den Strassen hängen sie zu Tausenden
im Lichtermeer der ausgestellten Ware,
spiegelnd und wieder gespiegelt,
der Schein vom Schein,
durchs Fenster und zurück.

Oh, wenn man sie zertrümmerte?
Das Nichts der blendenden Form beraubte?
Die Gesichter frei gäbe:
die schmerzverzerrten der Kranken,
die ausdruckslosen der Hungernden,
die angestrengt lächelnden der Einsamen,
die vom Hass verzerrten der Kriegstreiber,
die ängstlichen der Erfolgreichen!
Aus dem gläsernen Klirren stiege ein einziger Schrei:
O komm, o komm, Emmanuel!

2002