Der Berg

Waldidylle

Es war ein schöner Sommermorgen, als Anna sich aufmachte, den Berg zu besteigen. Sie hatte ein frisches Kopftuch umgebunden und einen Korb an den Arm gehängt, denn sie wollte unterwegs Beeren sammeln. Die Schuhe fest zugeschnürt machte sie sich frohen Mutes auf den Weg.

Bald war sie im Wald, wo der Weg zu steigen begann. Anna marschierte munter in die grün und golden funkelnde Pracht hinein. Schlafenden Riesen gleich strebten die Buchen in die Höhe und streckten ihre Äste zu einem schützenden Dach zusammen. Die Zweige flüsterten im Wind, und durch die silbern umränderten Blätter blitzten die Sonnenstrahlen, dass es war, als hätte jemand ein Dose mit goldenem Puder über dem Wald ausgeschüttet, der nun zur Erde rieselte. Saftiges Farn streifte Annas Kleid, und im Gebüsch halb verborgen hingen die Himbeeren, Brombeeren und Stachelbeeren, reif und schwer. Anna griff eifrig zu und freute sich zu sehen, wie sich ihr Korb füllte. Bunte Schmetterlinge tanzten ihr voraus, die Vögel zwitscherten in den Zweigen, und Anna lief ihren Stimmen nach, so rasch sie konnte.

Aber es wurde Abend, und der Gipfel war nicht gekommen, ja, Anna konnte ihn wegen der Bäume nicht einmal sehen. Sie ging weiter, bis die Nacht hereinbrach, und als sie den Weg in der Dämmerung nicht mehr erkennen konnte, setzte sie sich auf den Korb und schlief ein.

Herbstwald

Am nächsten Morgen stand Anna auf, nahm ihren Korb und lief weiter, immer bergauf. Sie ging schnell, wusste sie doch, dass der Gipfel bald kommen musste. Aber wieder ging es den ganzen Tag durch den Wald, der kein Ende zu nehmen schien, wieder wurde es Nacht, und ein dritter Tag verstrich, ohne dass Anna den Berg auch nur zu Gesicht bekommen hätte. Am Abend des dritten Tages setzte sich Anna seufzend auf den Korb und sann hin und her, ob sie den Gipfel überhaupt erreichen würde oder nicht besser umkehren sollte.

Aber am nächsten Morgen rauschten die Baumkronen so verlockend, und die Vögel schienen ihr zuzurufen: "Komm! Komm!" Da musste Anna einfach aufstehen, den Korb auf den Arm nehmen, weiter marschieren, die Beeren am Wegrand pflücken. Und so ging es fort, Tag für Tag den Berg hinauf. Anna kämpfte sich durch das Dornengestrüpp, das ihr die Waden zerkratzte und den Saum des Kleides zerfetzte. Sie stemmte sich den Novemberstürmen entgegen, die ihr das Tuch vom Kopf reissen wollten, pflügte sich durch knietiefen Schnee, wärmte ihre steifen Glieder in der Märzsonne und griff gierig nach den ersten Kirschen.

Kam sie an eine Verzweigung, überlegte sie lange, welchen Weg sie nehmen sollte. Die einen waren breit und mit festem Kies bestreut, andere waren schmal, kaum zu erkennen im Gestrüpp. Doch es schien gar keine Rolle zu spielen, ob sie links oder rechts ging, irgendwie führten alle Wege in dieselbe Richtung. Die Verzweigungen wurden auch immer seltener, und schliesslich achtete Anna gar nicht mehr auf sie, sondern lief gesenkten Blickes geradeaus.

Wenn sie sich abends mit schmerzenden Füssen auf ihren Korb setzte, dachte sie nicht mehr an den Gipfel, und wenn sie am Morgen den Korb ächzend auf den Arm hob, fragte sie sich längst nicht mehr, ob der Wald je aufhören würde. Die Vögel pfiffen wie eh und je in den Zweigen, die Sonnenstrahlen tanzten zwischen den Baumstämmen, Anna beachtete sie nicht.

Lichteinfall

Ihr Korb hatte sich derweil mit den prächtigsten Früchten gefüllt. Da lagen goldbraune Birnen neben prallen Zwetschgen, leuchteten Äpfel und Kirschen um die Wette, dufteten Himbeeren und Quitten, lockten Nüsse und Trauben zum Naschen. Aber Anna rührte ihre Schätze nicht an.

Wieder war ein Winter gekommen. Anna keuchte unter ihrer Last, der Atem flog wie eine Wolke vor ihr her. Der Frühling kam, die Schmetterlinge tanzten um Annas graues Haar, schliesslich kam der Sommer, aber Anna pflückte keine Beeren mehr: Ihr Korb war übervoll, sie vermochte ihn kaum mehr zu tragen. Tief gebeugt, die Hand auf einen dicken Stecken gestützt, schleppte sie sich weiter bergauf.

Eines Tages, als ihr schon die ersten bunten Blätter vor die Füsse fielen, konnte Anna nicht mehr weiter. Sie seufzte tief auf, Tränen liefen ihr über das Gesicht, zitternd wollte sie den Korb zum letzten Mal abstellen. Doch im selben Moment sah sie, dass der Wald zu Ende war. Vor ihr lag der Gipfel des Berges, und darauf stand ein Engel, der winkte ihr. Mit letzter Kraft stieg Anna auf den Berg und brach vor dem Engel in die Knie.

Der Engel schaute sie an und schüttelte leise lächelnd den Kopf. "Aber Anna, warum hast du denn so viele Früchte gesammelt und bist bis hierher gelaufen, ohne davon zu essen? Hast du nicht gewusst, dass du sie nicht mitnehmen kannst? Schau!" Der Engel wies mit der Hand in die Richtung, aus der Anna gekommen war. Da blickte sie sich um, und sterbenden Auges sah sie, wie sich unter ihr herrliche Täler auftaten, bunte Wälder, blaue Seen, liebliche Dörfer, deren Dächer in der Abendsonne glänzten.

Da nahm der Engel Anna den Korb aus der Hand und stellte ihn auf den Boden. Er zog ihr die ausgetretenen Schuhe und das zerschlissene Kleid aus, nahm ihr das Tüchlein vom Kopf und legte alles neben den Korb. Dann nahm er Anna bei der Hand und ging mit ihr in den Himmel.

Der Korb mit den Früchten aber blieb auf der Erde.

2001

Die Bilder stammen vom Einsiedler Maler David Flury (www.atelierflury.ch) und wurden mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Das Urheberrecht liegt beim Maler.