Tagebuch Wien (Juli 2010)

Montag, 12. Juli

Das Hotel Falkensteiner am Schottenfeld liegt in Fussdistanz vom Westbahnhof, allerdings ziemlich weit von der nächsten U-Bahn Station entfernt, sodass man die Wahl hat zwischen einem längeren Fussmarsch oder dem Umsteigen auf einen Bus. Wir wurden freundlich empfangen und durften unser Zimmer beziehen, obwohl es erst 8 Uhr war. Das war eine angenehme Überraschung, die es uns erlaubte, uns frisch zu machen und die Kleider aufzuhängen.

Mit Reiseführer, Stadtplan und viel Wasser bewaffnet marschierten wir zur Hofburg, wo wir vor dem grossen Touristensturm eintrafen. Wir besichtigten die Silberkammer mit ihren zahllosen kaiserlichen Porzellan- und Silberservices und den gigantischen Tischaufsätzen. Der Prunk, den das Haus Habsburg veranstaltet hat, ist für uns Kleinbürger vom Land bzw. aus der Kleinstadt nicht nachvollziehbar. Wie wurde das bloss finanziert? Schön anzuschauen sind die Kostbarkeiten wohl, aber die Gefühle bleiben zwiespältig.

Der Audioguide führte uns als nächstes ins Sisi-Museum. Ihre „Reliquien“ (vor allem Kleider, darunter das Krönungskleid von Ungarn) waren nicht wahnsinnig interessant, die Informationen auf dem Ton­band sehr wohl. Elisabeth muss eine rastlose, wenig glückliche Person gewesen sein, die erst nach ihrem Tod zur Kultfigur geworden ist. Der Kitsch, mit dem sie heute vermarktet wird, ist nicht nur an sich schon unerträglich, sondern passt auch gar nicht zu ihrem unromatischen Charakter.

Als drittes ging es in die Kaiserappartements, in denen uns die Mischung von wunderbarer Rokoko-Eleganz mit spartanischem Lebensstil des vorletzten Kaiserpaares gezeigt wurde. Mir gefällt die einheitliche Ausstattung mit den weissen Wänden und goldenen Stukkaturen. Elisabeths Turngeräte wirkten darin ziemlich deplatziert.

Nun hatten wir uns ein Mittagessen verdient, wir vertrauten unserem Führer und nahmen im Café Griensteidl Platz, wo es Salat mit Fleisch bzw. gebackenem Ziegenkäse gab.

Die Hofburg war noch nicht abgegrast, und so stürzten wir uns als nächstes – wiederum gegen einen horrenden Eintrittspreis – in die Schatzkammer, wo es neben der Reichskrone und einem phantastischen Taufbecken aus Gold zahllose prächtige Gewänder mit Goldstickereien und fürchterliche Reliquienmonstranzen zu besichtigen gab. Dietmar hätte gerne die Kiste mit den Achat-Intarsien mitgenommen, mir hätte das eine oder andere Schmuckstück nicht schlecht gefallen…

Als letztes besuchten wir das Schmetterlingsmuseum, aber dort drinnen war es definitiv zu heiss. Danach brauchte ich unbedingt ein Eis, denn das bisschen Salat hatte meinen Hunger nicht gestillt. Zum Glück kamen wir auf dem Weg zur U-Bahn an einem italienischen Eiskaffee vorbei.

Mit der U2 liessen wir uns zum Prater fahren. Ich hatte diesen auf das Nachmittagsprogramm gesetzt, weil ich hoffte, dass es dort unter den Bäumen etwas kühler sein würde. Trotz unseres Wasservorrats hatten wir beide schon blöde Köpfe von den erbarmungslosen Sonnenstrahlen. Wir krochen durch die Gassen zwischen den Karussells, auf denen am Montag Nachmittag um 4 Uhr trotz Hochsaison nichts los war.

Unsere erste Fahrt gönnten wir uns mit dem Kettenkarussell auf den Praterturm, angeblich 117 m hoch. Ich konnte fast nicht runtersehen, als wir in unseren luftigen Sitzchen rasch in die Höhe getragen wurden. Zwischen Freude und Schrecken hin- und hergerissen versuchten wir, die phänomenale Aussicht über die Stadt zu geniessen. Viel zu schnell ging es wieder runter. Wir erholten uns unter den Bäumen im Schatten und schrieben SMS an Oma.

Dann war natürlich eine Fahrt mit dem alten Riesenrad angesagt. Wir waren beide noch nie damit gefahren, und wir hatten riesig Freude, dass wir nun auf unserer „Hochzeitsreise“ gemeinsam unsere erste Fahrt antreten durften. Wie im heiss geliebten Film „Das Riesenrad“. Das Riesenrad ist ein altmodisches Ungetüm aus dicken Eisenbalken und endlos vielen Schrauben, die Gondeln sind immer noch aus Holz und so gross, dass man mit einem Kleid aus dem 19. Jh. hineinspazieren könnte. Ich genoss die Runde und die Aussicht enorm.

Zum Abendessen wanderten wir noch einmal zurück zum Schweizerhaus, an dem rein gar nichts schweizerisch ist, und schlugen uns die Bäuche mit Wienerschnitzel und Backhendl voll.

Dienstag, 13. Juli

Das Frühstücksbuffet war die 15 Euro, die es kostete, durchaus wert. Neben der üblichen Auswahl an Brot, Käse, Wurst und Müesli gab es frische Ananas, Lachs, Palatschinken, ein ganzes Sortiment Kuchen, den besten Earl Grey Tee und für die Asiaten sogar Nudeln und Frühlingsrollen. Wir genossen den Luxus in vollen Zügen.

Angesichts der neuerlichen Hitze verschoben wir die Museen auf den Nachmittag und fuhren zuerst in die Innenstadt. Wir besichtigten den Stefansdom aussen und innen, so weit man ihn ohne Eintrittsgeld besichtigen kann. Diese Geldmacherei in den Kirchen geht uns beiden ganz schön gegen den Strich. Wir wurden aber auch sonst nicht warm für dieses düstere Ungetüm aus Sandstein. Lediglich der beleuchtete und von gotischen Fernstern gesäumte Chor verströmte aus der Ferne eine freundliche Atmosphäre.

Dem Rundgang des Führers folgend spazierten wir am Mozarthaus vorbei und bogen in die Kärntner Strasse ein, bei welcher die prächtigen, klassizistischen Fassaden mit den Schaufenstern der Luxusgeschäfte um die Aufmerksamkeit des Fussgängers streiten. Die Kleidergeschäfte waren alle im Sommerausverkauf, was das Lädele noch attraktiver machte.

Via Neumarkt schlenderten wir zum Graben, die meines Erachtens schönste Strasse Wiens. Bei der opulenten Pestsäule stand einer der vielen Sicherheitsleute, die die Innenstadt bewachen. Die barocke Peterskirche gefiel uns bedeutend besser als der viel berühmtere Steffl. Sie ist aus einem Guss und verströmt trotz barocker Üppigkeit eine weihevolle Stimmung.

Wir kamen so langsam vorwärts, dass es aussichtslos war, den ganzen Spaziergang aus dem Buch zu absolvieren. Wir steuerten, nach einem Abstecher zu Villeroy & Boch, im direkten Zickzack den Donaukanal an und suchten uns einen Sitzplatz im 130 Jahre alten Eiskaffee am Schwedenplatz. Unter zirka 50 Coupes fanden wir beide, was unser Herz begehrte. Der Umweg hatte sich gelohnt.

Mit der U-Bahn reisten wir ins neue Museumsquartier, eine Hochburg moderner Kunst, auf welche die Wiener zurecht stolz sind. Das Leopoldmuseum war Gott sei Dank klimatisiert, so konnten wir die einmalige Sammlung österreichischer Künstler aus dem 20. Jahrhundert in vollen Zügen geniessen: Schiele, Klimt, Kolo Moser, Egger-Lienz und viele mehr, die der Wiener Secession angehört hatten. Leider hatten wir beide die hübschen Schuhe angezogen, nicht die Sandalen, und konnten kaum mehr auf den Füssen stehen.

Wir verschoben daher das MUMOK (Museum für moderne Kunst) auf den nächsten Tag und genehmigten uns etwas Flüssiges im Innenhof bei einer jener unglaublich dienstfertigen Bedienungen, von denen es in Wien leider einige gibt. Küche und Service sind überall erstaunlich schnell, aber was die Freundlichkeit angeht, könnten sie sich bei den Tirolern ein Stück abschneiden.

Mittwoch, 14. Juli

Der oberste Stock des MUMOK zeigt ansprechende Kunst aus dem frühen 20. Jh., in der Mitte gab es Lichtinstallationen von Brigitte Kowanz, die uns sehr gefielen. Dietmar hat grosse Lust, die Metallplatte mit den gestreiften Neonröhren nachzubauen. Das würde uns wohl gelingen, aber ob sie in unsere Wohnung passt? Zuunterst war der erwartete zeitgenössische Schrott ausgestellt, bekleckste oder gar einfarbige Flächen, die als Kunst ausgegeben werden. Gegenüber solchem Unsinn ist Dietmar zum Glück völlig immun. Wir machten uns rücksichtslos lustig über diese „Künstler“ und schlugen vor, unbemerkt eine Zeichnung von Hannes oder einen Duschvorhang dazwischen zu hängen oder intensiv philosophierend vor dem Feuerlöscher stehen zu bleiben… Im Museumsshop fanden wir endlich die Tassen, die wir gesucht hatten, zwei weisse Becher im Klimt Stil.

In unserer schönen Kleidung ging es jetzt nach Schönbrunn, wo uns eine unbeschreiblich stechende Sonne und ebenso unbeschreibliche Touristenmengen empfingen. Wir kauften Tickets für die grosse Tour und stiegen kurz auf die Treppe im Garten, um ein Photo zu schiessen, aber die Sonne blendete so, dass man es sogar mit Sonnenbrille kaum aushielt. Dann hiess es anstehen. Das Getümmel war zum Ablöschen. Aber es lohnte sich. Die Prunkräume von Schönbrunn sind umfangreicher und noch schöner, als ich sie in Erinnerung gehabt hatte. Neben dem üblichen weiss-gold gibt es hier kostbare Seidentapeten, ein ganzes Zimmer aus Nussbaum und ein weiteres aus Rosenholz, ferner zwei chinesische Zimmer mit tollen Intarsienböden und zahllosen Chinoiserien an den Wänden. Alles ist in perfektem Zustand. Was hätten wir darum gegeben, 100 Jahre zurückversetzt zu werden und einen einzigen Tag in diesem Räumen zu leben!

Trotz der Hitze marschierten wir zur Gloriette hoch, wo es wie erwartet weniger Leute hatte. Für viel Geld bekam man dort wenig zu essen und einen übellaunigen Kellner. Die Aussicht entschädigte für die Unbillen des Massentourismus. Wir wanderten zurück und überbrückten die Zeit bis zur Strudelshow mit einer Stengelglace. Um 17 Uhr bekamen wir vorgeführt, wie Profis einen Strudelteig ausziehen und füllen, dazu eine kleine Kostprobe des berühmten Apfelstrudels.

Den Irrgarten liessen wir bleiben, stattdessen schleppten wir uns zum Kronprinzengarten mit den Orangen- und Zitronenbäumen, den Buchsbaumrabatten gefüllt mit buntem Sommerflor und den von Weinlaub überwucherten Arkaden. Versteckt zwischen Bäumen und Hecken fanden wir eine Gartenbeiz, wo wir die Zeit bis zur Oper zu verbringen gedachten.

Die auf 19.30 Uhr angesetzte Oper Così fan tutte begann viel versprechend, nämlich mit 20 Minuten Verspätung. Man sass in Schweiss treibenden Plasticsesseln im sogenannten Apothekerhof, den Brunnen vor der Nase, die Nase beleidigt durch die Fettdüfte aus dem angrenzenden Restaurant, die Ohren genervt vom Verkehr, der in unmittelbarer Nähe vorbeidonnerte. Das Orchester bestand aus Studierenden, was man deutlich hörte, der Dirigent versuchte zeitweise krampfhaft, Solisten und Orchester zusammenzubringen. Dass der Abend nicht ein totaler Flopp wurde, war den ausgezeichneten Sängern zu verdanken, die nicht nur wunderbare Stimmen hatten, sondern auch hervorragend spielten, sodass man der Geschichte folgen konnte, auch wenn man vom italienischen Text nicht viel verstand.

Wir waren beide froh, als die Oper zu Ende war, der zweite Teil zieht sich ziemlich in die Länge. Dietmar war enttäuscht, weil er den Text nicht verstehen konnte, ich total genervt vom Gestank. Wir sausten dank perfekten Verbindungen in no time nach Hause, wo wir hungrig zu Bett gingen.

Donnerstag, 15. Juli

Nach unserem letzten ausgedehnten Frühstück fuhren wir zum Shoppen noch einmal in die Innenstadt. Im Verkaufshaus der Wiener Werkstätten verliebten wir uns in die sündhaft teuren Jugendstilwaren, die sie dort feilbieten, Schmuck, Gläser, Schalen, eine Augenweide. Wir erstanden schliesslich vier bernsteinfarbene Cognacgläser mit Goldverzierung, zwei für uns, zwei für die Eltern.

Als letzter Punkt stand das Kunsthistorische Museum auf dem Programm. Wir steuerten als erstes ins Kaffee, um uns vom Bummel zu erholen und die unvergleichliche Architektur dieses Gebäudes zu geniessen. Dann durchstreiften wir auf getrennten Pfaden die Sonderausstellung „Starke Köpfe“ und die Antikensammlung. Die ägyptischen Mumien und Sarkophage fand ich langweilig, die griechischen und römischen Statuen waren eine Enttäuschung, weil kaum ein ganzes Stück darunter war, besser waren die attischen Vasen, und eine Überraschung war der antike Schmuck. Unglaublich, wie viel Gold weltweit in den Museen herumliegt!

Nach einem Stück Torte hakten wir die niederländische und deutsche Malerei ab. Breughels Jahreszeiten gefielen uns, vor allem die Jäger im Winter, es gab ein paar nette Porträts und Blumensträusse, aber alles in allem überwogen die religiösen Schinken mit händeringenden und augenverdrehenden Heiligen, und von denen habe ich langsam aber sicher genug. Das handwerkliche Können der Alten Meister verdient nach wie vor höchste Bewunderung, aber von den Sujets und von der Stimmung her können sie es mit den Modernen aus der Sicht von uns Zeitgenossen nicht aufnehmen.

Jetzt war es erst vier Uhr, wir hatten sechs Stunden totzuschlagen und hatten eigentlich auf nichts mehr Lust. Das Naturhistorische Museum liessen wir bleiben. Wir trotteten unter dräuenden Gewitterwolken vorbei an Parlament, Burgtheater und Rathaus, wo uns die Mücken von der Parkbank vertrieben, schlenderten durch den Volkspark mit seiner Rosenpracht, kamen an ein paar Ministerien vorbei und fanden uns erneut im Kreis 1 wieder, wo ich endlich auf „mein“ Kleid rannte, ein blau-weisser Klassiker, den man mir für 120 statt 200 Euro überliess. Nun fehlte uns nur noch ein Mitbringsel für Hannes, er bekam eine rosa Blechschachtel gefüllt mit Manner Waffeln.

Im Innenhof des Esterhazy Palais futterten wir eine Pizza, dann hiess es Abschied nehmen. Wir latschten zum Hotel zurück – die 3-Tageskarte war abgelaufen –, schrieben brav noch ein paar Postkarten und tranken das letzte kühle Getränk vor der Heimreise.

Diese war eine Katastrophe. Der Zug fuhr mit 30 Minuten Verspätung ab, die Lüftung war ausgefallen, sodass es unerträglich heiss war, im Nebenabteil lärmte eine indische Familie bis um eins in der Nacht. Als die Lüftung endlich wieder lief, liess sie sich nicht regulieren, sodass es bald zu kühl war, um halb sechs fing der Bub unter uns schon wieder zu reden an, und um halb acht waren wir anstatt in Zürich erst in Buchs. Wir sind trotzdem nach Hause gekommen.